Auf ein Wort

 

    Gemeindegruß April bis Juli 2017

Liebe Gemeinde,
im Mai 2017 findet der Kirchentag zum Lutherjubiläum statt. Das Motto "Du siehst mich" haben meine Großeltern, geboren Anfang des vorigen Jahrhunderts, noch mit einem omnipräsenten Gott verbunden: "Der liebe Gott sieht alles - auch wenn du heimlich von den Plätzchen naschst...". Heute, über 100 Jahre und 2 Weltkriege später, hat die Bedeutsamkeit christlicher Ansichten und Institutionen deutlich abgenommen. Von den etwa 100.000 Menschen in unseren Stadtvierteln gehören 4430 Menschen zu unserer Kirchengemeinde, das sind 4,4%, eine Minderheit. "Siehst du mich noch, Gott?" Beim Besuch des Kirchentages will ich sehen, wie die Berliner Christen mit noch viel geringeren Zahlen und sehr viel weniger Geld als wir ihren Glauben leben und Gemeindeleben gestalten.
"Du siehst mich" sagt Hagar, "die Fremde", die Sklavin von Sarah, als sie, von Abraham schwanger, in die Wüste geschickt wird und ihr ein Engel einen Wasserbrunnen zeigt, den "Brunnen des Lebendigen, der mich sieht". Der Engel sagt ihr den Namen ihres und Abrahams erstgeborenen Sohnes "Ismael", das heißt: "Gott erhört mein Elend." Gott verspricht Hagar, Ismael zum Stammvater vieler Völker zu machen.
So kehrt Hagar zurück, aber 16 Jahre später, als Sarah Isaak bekommt, werden Hagar und Ismael erneut in die Wüste vertrieben. Der Engel zeigt ihnen die Quelle Zamzam, heute in der großen Moschee in Mekka. Hagar und Ismael sind gerettet und kehren nicht mehr zurück. Die Suche Hagars und Ismaels nach Wasser wird im Islam bis heute bei der Pilgerfahrt Haddsch nach Mekka geehrt. Die arabischen Völker sehen Ismael als ihren Stammvater.
Der interreligiöse Dialog der drei Religionen, die Abraham als Urvater haben, also Judentum, Christentum und Islam, wird auch beim Kirchentag in Berlin als multireligiöser Stadt eine große Rolle spielen. "Du siehst mich." Das wünschen wir uns: Als gläubiger Mensch in einer überwiegend nicht religiösen Umgebung, als mobilitätseingeschränkte Senior*in, als finanziell überforderte Alleinerziehende, als beruflich eingespannte Singles, als Kinder mit Sprachproblemen, als Neuhinzugezogene in dieser Stadt. Gesehen werden gibt Hoffnung. Werde ich gesehen, bin ich nicht allein in dem, was mich bedrückt und beschäftigt, was ich selbst vielleicht gar nicht in Worte fassen kann.
"Gott, du siehst mich!" Durch das Wasser der Taufe sind wir mit dem lebendigen Gott verbunden, der uns sieht und uns Wasser schenkt, um Wüsten lebendig zu machen und zum Blühen zu bringen.
Fröhliche Ostern und eine gesegnete, erfrischende und blühende Zeit bis zu den Sommerferien wünscht Ihnen
Ihre Pfarrerin Anne Loreck-Schwab


 

 Gemeindegruß Dezember 2016 bis März 2017

 

  „Meine Frau und meine Schwiegermutter“ hat der amerikanische Cartoonist William Ely Hill seine Zeichnung genannt, die zu den weltbekannten optischen Täuschungen gehört.
Was ist zu sehen – eine alte oder eine junge Frau? Oder beide?
Es kommt auf die Perspektive an. Und das nicht nur bei diesem Bild, sondern auch bei allem, was uns jetzt an der Wende vom alten zum neuen Jahr beschäftigt, bestimmt, vielleicht bedrängt: in der Weltpolitik, die für viele ihr Gesicht so verändert hat; in unserem eigenen Land, das vor neuen Herausforderungen steht; in unserer Kirche, unseren Gemeinden, die nach neuen Wegen suchen müssen, Menschen mit der unverändert guten Nachricht von Jesus Christus zu erreichen; und auch in unserem persönlichen Leben. Es kommt auf die Perspektive an.
Und man muss wohl wie bei diesem Bild beides wahrnehmen, das Alte und das Neue. Manches Alte hat sich bewährt, manche Tradition lohnt es, sie zu bewahren und zu pflegen. Aber es gibt auch Altes, das erstarrt ist, das wie eine verhärtete Kruste auf uns liegt und das Leben erstickt. Das Alte wahrnehmen. Und dann das Neue, das Leben, das ans Licht drängt, die Träume, die Hoffnungen: wahrnehmen. Wahrnehmen, was Gott aus unserem Leben Neues schaffen will, was sich entfalten und entwickeln soll, damit wir werden, wie er uns gemeint hat.

Pfarrer Rainer Hess


 

Gemeindegruß August bis November 2016

Liebe Gemeinde!
Unser Sommer-Gemeindegruß, den Sie in Händen halten, umfasst den größten Teil der Trinitatiszeit. Die liturgische Farbe ist Grün, wie die Natur, Gottes Schöpfung. Die Trinitatiszeit stellt das Wirken des dreieinigen Gottes für unser Leben in den Mittelpunkt – konkret: Hier geht es um uns! Auch kirchlich ist hier Zeit für das, wozu man sonst oft angesichts liturgischer Vorgaben nicht kommt. Also Zeit geistreich Neues auszuprobieren, Weite zu erleben, weise zu werden und Freude zu finden, wie Hildegard von Bingen schreibt.
Ich möchte das im Bereich ökumenischer Spiritualität ausprobieren und  ein Stück des Jakobswegs von München bis Bregenz pilgern.
Unsere Passionskirche liegt als „neue“ Pilgerkirche an diesem alten Pilgerweg von der Jakobskirche in der Stadtmitte, die Isar entlang über Schäftlarn und Andechs, über Bregenz in die Schweiz und durch Frankreich bis nach Santiago de Compostela in Spanien.
Sich in der Natur und der frischen Luft zu  bewegen, sich an Gottes Schöpfung zu erfreuen, auf andere Gedanken zu kommen und Neues zu erleben – das wünsche ich auch Ihnen!
Ihre Pfarrerin Anne Loreck-Schwab

Alles durchdringst du,
die Höhen,
die Tiefen
und jeglichen Abgrund.

Du bauest und bindest alles.
Durch dich träufeln die Wolken,
regt ihre Schwingen die Luft.

Durch dich birgt Wasser
Das harte Gestein,
rinnen die Bächlein
und quillt aus der Erde
das frische Grün.

Du auch führest den Geist,
der deine Lehre trinkt,
ins Weite.
Wehest Weisheit in ihn
und mit der Weisheit die Freude.

Hildegard von Bingen (1098-1179)

 


 

Gemeindegruß April bis Juli 2016

Liebe Gemeinde!
Im Jahr 1948 starb in München Karl Valentin. Er ist dadurch berühmt geworden, dass er die Menschen zum Lachen gebracht hat. Seine Freunde wussten aber noch etwas anderes über den bekannten Komiker: Karl Valentin litt Zeit seines Lebens unter einer schrecklichen Angst vor dem Tod.
Damals wurden die Leichenwagen noch von Pferden gezogen. Die Kut-scher wussten, dass der beliebte Spaßmacher sich stets davonstahl, wenn sie mit ihren schwarzen Fuhrwerken auf der Bildfläche erschienen. Es wird berichtet, dass solch ein Leichenkutscher einmal eine regelrechte Verfolgungsjagd auf Valentin veranstaltete. In welche Gasse der arme Mann auch lief, immer verfolgte ihn der Leichenwagen.
Ein böser Spaß! Und zugleich ein makabres Bild: Ein Mensch auf der Flucht vor dem Tod.
Die Passionszeit hat uns an den einen erinnert, der vor dem Leiden und Sterben nicht weglief. Es schien das Ende zu sein. Bis seine Freunde die überwältigende Erfahrung machten:
Er lebt! Sein Gottvertrauen und seine Menschenliebe waren nicht totzukriegen!
Seitdem steht auch unser Leben unter einem anderen Vorzeichen. Schwere Erfahrungen bleiben Christenmenschen nicht erspart, wer wüsste es nicht. Aber wir stürzen nicht ins Bodenlose. Wir sind und bleiben gehalten. Denn wir haben ihn an unserer Seite, der sagt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“
Frohe Ostern!
"Jesus lebt, ich bin gewiss,
nichts soll mich von Jesus scheiden,
keine Macht der Finsternis,
keine Herrlichkeit, kein Leiden.
Seine Treue wanket nicht; 
dies ist meine Zuversicht.“  (EG 115 / 5)

Mit guten Wünschen grüßt Sie herzlich Ihr
Pfr. Rainer Hess

 


 

Gemeindegruß Dezember 2015 bis März 2016

Liebe Gemeinde!
Dieser Gemeindegruß umfasst den Zeitraum von Advent und Weihnachten bis Ostern. Im Advent warten wir auf das Licht, die Geburt Jesu Christi an Weihnachten, Hoffnung für die dunkle Welt. An Ostern feiern wir mit der Auferstehung Jesu den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit des Todes.
Dieses Licht ruft Menschen heraus aus dem Dunkel und lässt seit 2000 Jahren Menschen voll Hoffnung ins Licht einer neuen Zukunft aufbrechen.
So habe ich mich mit Kolleginnen und Kollegen aus Bayern aufgemacht und bin im Sommer bei oft strahlendem Sonnenschein die letzten 270 km des Jakobsweges in Spanien bis „ans Ende der Welt – Finisterre – Kilometer 0“ gepilgert. Im Gegensatz zu meinem normalen Arbeitsalltag waren plötzlich ganz andere Dinge wichtig: Körper spüren (Blasen…); Gemeinschaft;  uralten Wegen folgen statt Neues erfinden; Spiritualität statt Terminkalender; leckeres Essen – ich habe 2 kg zugenommen…Es war im wahrsten Sinne des Wortes bewegend und ein Weg im Licht!
Auch unsere evangelische Kirche in Bayern bewegt sich und versucht belastende und krankmachende Traditionen zu hinterfragen, die der frohmachenden Botschaft von Jesus Christus als Licht der Welt widersprechen. Deshalb bekommen wir  Pfarrer_innen  eine Dienstordnung mit  dem Ziel 48 (!) statt bisher mindestens 54 Stunden Arbeitszeit/ Woche. Es gibt Angebote wie das Pilgern. Das kann  unser Gemeindeleben verändern.
Mit Martin Luther: ecclesia semper reformanda est!
Besonders aber bewegen uns die Flüchtlinge, die sich aus dem Dunkel von Krieg und Verfolgung, Armut und Hoffnungslosigkeit aufgemacht haben und hier ihre hellere Zukunft sehen. Viele von ihnen sind Christen und haben in den fremdsprachigen Kirchen in München ein Stück Heimat gefunden.
Mit dem Bekenntnis zu Jesus als dem Licht der Welt vertrauen wir auch für die Zukunft und das Jahr 2016 auf Gott.
Ihre Pfarrerin Anne Loreck-Schwab


 

Gemeindegruß August bis November 2015

Schatten ...

In China erzählt man sich die Geschichte von dem Mann, der seinem eigenen Schatten entfliehen wollte. Aber es war schwieriger, als er dachte. Jedesmal, wenn er den Fuß zu einem neuen Schritt aufsetzte, folgte ihm der Schatten. „Ich muss mich mehr anstrengen“, sagte er sich. Aber es half nichts. Sein Schatten blieb ihm mühelos auf den Fersen, obwohl er schneller und immer noch schneller lief. Schließlich, so sagt die Geschichte, sei der Mann vor Erschöpfung tot umgefallen. Wäre er einfach in den Schatten eines Baumes getreten, so hätte er dort seinen eigenen Schatten loswerden können.

Schatten. Dunkle Punkte in meiner Vergangenheit, Ängste, die mir nachgehen, Versäumtes, das nicht mehr nachzuholen ist, schlechte Angewohnheiten, die mir und anderen das Leben schwer machen, Gewissensbisse, die mich nicht schlafen lassen, Schuld vor Gott und den Menschen: Schattenseiten meiner Person. Wie werde ich sie los?

Ein paar Vorschläge (oft erprobt, selten erfolgreich):
 • Verdrängen (und wehe, es spricht mich jemand darauf an!)
 • Vergessen (wer kann’s?)
 • Überspielen (indem ich mich in die Arbeit, ins Vergnügen stürze)
 • Dauerberieseln (Motto: „Fernseher an und Radio hören, wenn dich deine Schatten stören ...“)
 • Abstreiten („du vielleicht, aber doch nicht ich!“)

Kurz: davonlaufen. „ ... aber es half nichts. Sein Schatten blieb ihm mühelos auf den Fersen ...“

Ein besserer Vorschlag: in den Schatten eines Baumes treten. Seit frühester Zeit wird das Kreuz Jesu als Lebensbaum verstanden. Der Tod des Einen ermöglicht das Leben der Vielen.
Unter diesem Lebensbaum muss ich meine Schattenseiten nicht mehr verdrängen, sondern kann sie zulassen. Ich kann kommen, wie ich bin – und loswerden, was mich belastet: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Nur (!) in diesem Sinn eine „schattige“ Sommerzeit wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Rainer Hess

 

Gemeindegruß April bis Juli 2015

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerszeit an deines Gottes Gaben...“

Liebe Gemeinde!
Sommer…ich freue mich darauf! Ich freue mich auf die warme Sonne, luftige Kleidung, das Sitzen im Biergarten, Eis essen, wandern und schwimmen… Alles grünt und blüht, das Gemüse schmeckt knackig, der Rhabarberkuchen wunderbar. Ich freue mich an Gottes Gaben!

Einen Vorgeschmack auf den Sommer bekam ich schon bei unserer Tunesien-Reise nach Hammamet in den Faschings-Ferien. Dort waren auch Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet im April 1914 bei ihrer berühmten Tunis-Reise. Dort lebte 380 n.Chr. der bedeutende Kirchenvater Augustinus, dessen Schriften Martin Luther zu seiner Kirchenreform inspirierten. Seit dem 7. Jahrhundert ist Tunesien vom Islam geprägt.

Geschichtsträchtige Orte machen uns bewusst, wie unser Glaube und die Geschichte unseres Glaubens verbunden sind mit Orten und historischen Ereignissen. Sie machen uns auch bewusst, wie abhängig unser Glaube von unserer eigenen Geschichte ist und den Orten, die uns geprägt haben. Im letzten Vierteljahr sind 150 evangelische Menschen mit eigenen Glaubenstraditionen neu in unser Gemeindegebiet gezogen.    Herzlich willkommen!

„Geh aus mein Herz und suche Freud“ – da gibt es gerade im Sommer für neue und alteingesessene Gemeindeglieder viel zu entdecken: Gottesdienste im Grünen und auf Bergalmen wie der Kampenwand-Gottesdienst am 19.Juli , kleine Kapellen am Wegrand und große Kirchen hier in München, wie die Lukaskirche mit ihrer Thomas-Vesper für Zweifler – und natürlich unsere Passionskirche mit sommerlichen Angeboten wie dem Gottesdienst im Kirchgarten an Christi Himmelfahrt oder dem PassionArte- Konzert am 26. Juni. Bis Anfang Mai sind auch noch Bilder von August Macke und Franz Marc im Lenbachhaus zu sehen. 

Ich freue mich auf einen bunten Sommer!
Ihre Anne Loreck-Schwab

 

Gemeindegruß Dezember 2014 - März 2015

... und erkennt ihn nicht ...

... den eigenen Sohn! Wegen fortschreitender geistiger Verwirrung muss eine Frau um die sechzig im Heim untergebracht werden. Es ist eben das Heim, in dem ihr Sohn als Pfleger arbeitet. Täglich begegnet er seiner Mutter, aber sie erkennt ihn nicht, so sehr er sich auch um sie müht. Höflich und distanziert behandelt sie ihn wie einen Fremden.

Es ist eigenartig mit der Frau. Sie ist nicht immer verwirrt, manche Dinge macht sie auch ausgesprochen ordentlich und sorgsam, ihre Haare zum Beispiel. Und sie hat alle Geburtstage aus der Verwandtschaft im Kopf. Nur ihre eigenen Leute sind ihr fremd geworden; sie erkennt sie nicht, obwohl sie doch alle Geburtstage irgendwie feiert.

Besonders schlimm war das beim letzten Geburtstag ihres Sohnes. Gleich morgens ist er zu seiner Mutter hereingekommen und hat sie begrüßt. Aber sie hat ihn gar nicht beachtet; saß ganz versunken an ihrem kleinen Tisch und hat alte Fotos angestarrt, Babyfotos, von ihrem Sohn. Eine ganze Galerie solcher Bilder hatte sie vor sich aufgebaut, eine Kerze angezündet. Und dann feierte sie den Geburtstag ihres Sohnes, lächelte dem Kind auf den Fotos zu, sprach mit ihm, wie man mit Babys spricht, und sang ihm Lieder. Und er, der junge Mann, stand dabei an seinem Geburtstag, und sie erkannte ihn nicht ... 

In einem Buch mit Weihnachtsgeschichten habe ich diese kurze Erzählung einmal gelesen. Ist es eine Weihnachtsgeschichte? Ich fürchte: ja. So geht es dem Jesuskind in der Krippe. Es rührt einen, löst freundliche Gefühle aus, es wird besungen und verhätschelt, aber es darf nicht erwachsen werden. Denn der erwachsene Jesus ist unbequem. Mit Kerzenschein und einem warmen Ge-fühlsgemisch zur Weihnachtszeit wäre es bei ihm nicht getan. Man müsste ihm erlauben, sich einzumischen, im Alltag, da, wo das Leben gelebt wird. Und dann würde es wohl Veränderungen geben, vielleicht Veränderungen, die weh tun. Also hält man sich lieber an das Krippenkind. Das ist verfügbar, stellt keine Ansprüche – und man kann es, zusammen mit dem Weihnachtsbaum, wieder wegräumen, wenn die warme Stimmung verflogen ist.

Es war Weihnachten. Sie feierten seinen Geburtstag und freuten sich alle an dem Kind. Und er stand daneben an seinem Geburtstag, und sie erkannten ihn nicht ... 

Dass wir den lebendigen Christus erkennen, in den kommenden Advents- und Weihnachtstagen und in unserem Alltag, wünscht sich und Ihnen Ihr

Pfarrer Rainer Hess

 

Gemeindegruß August - November 2014

Ist da jemand?

Diese Frage stellte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ an Pfingsten auf dem Titelblatt. Natürlich habe ich diese Ausgabe gekauft und als moderne Pfarrerin auf mein Smartphone geladen. Damit war auch ein Video mit einem Hamburger Pfarrer zu sehen zum Thema „Gottesferne“. Dieses Video endet mit der Frage „Was gibt unserem Leben Sinn und Trost?" – worauf in unfreiwilliger Komik das Werbebanner „Der Spiegel“ folgt. Nun gibt das Nachrichten-magazin „Der Spiegel“ bei aller Wertschätzung zumindest meinem Leben nicht Sinn und Trost. Sinn und Trost finde ich im Vertrauen auf Gott, in den Psalmen mit ihren tiefen Lebenserfahrungen, in den Verheißungen Jesu, in den Erfahrungen und im Austausch mit anderen Menschen – kurz gesagt: Im Glauben an Gott.
Aber das scheint eine bayerische Eigenart zu sein. Der Hamburger Pfarrer berichtet von Gemeindegliedern, die zwar in der Kirche sind, aber nicht mehr an Gott glauben. Ich erlebe hier in Oberbayern Menschen, die zwar an Gott glauben, aber – vor allem aus finanziellen Gründen – aus der Kirche austreten.

Ist da jemand? Diese Frage beantworten unzählig viele Menschen durch alle Zeiten und Kulturen weltweit mit „Ja“. Ich bin immer wieder tief beeindruckt vom Glauben von Asylsuchenden, die so glücklich sind, dass sie hier die Bibel ungefährdet lesen und öffentlich beten können.

Ist da jemand? Ein Junge in der Schule meinte: "Wir besuchen im Urlaub viele Kirchen, aber wir beten nie.“ Viele haben Angst lächerlich zu wirken, wenn sie beten - und sind ungeübt darin. Urlaub heißt auch, Neues auszuprobieren und sich fremden Erfahrungen zu öffnen.

Dazu gehören auch Glaubenserfahrungen, die Menschen in fernen Ländern oder hier bei uns bewegen – und auszuprobieren, ob es eine Antwort gibt auf die Frage: Ist da Jemand?

Nur Mut und viel Spaß am Entdecken!

Eine gesegnete Sommer- und Herbstzeit wünscht Ihnen Ihre

Pfarrerin Anne Loreck-Schwab

 


 

Gemeindegruß April - Juli 2014

Ernten, was man gesät hat?

Was hat er gesät, der Sämann auf dieser Zeichnung, der mit dem Kreuz seine Ackerfurchen zieht?

Liebe hat er gesät. Liebe zu denen, die sonst niemand lieben konnte oder wollte, Liebe für solche, die sich selbst nicht annehmen konnten und sich erst recht keinem liebenden Gott anvertrauen wollten.

Geduld hat er gesät. Geduld mit seinen begriffsstutzigen Jüngern, Geduld mit den hartnäckig-spitzfindigen pharisäischen Theologen, die ihn belauerten, Geduld mit dem Volk auf der Straße, das ihn sehnsüchtig und begeistert bejubelte – und nicht verstand, was er wirklich wollte.

Barmherzigkeit hat er gesät. Barmherzigkeit denen gegenüber, bei denen alle Hilfe zu spät zu kommen schien, die sich in letzter Verzweiflung an ihn klammerten mit ihren köperlichen und seelischen Gebrechen.

Schließlich hat er sich selbst gesät, dort am Kreuz – wo er erntete, was er nicht gesät hatte: Einsamkeit, Schmerzen, Hohn und einen gottverlassen elenden Tod.
Ist er gescheitert, dieser Sämann? Viel vergebliches Bemühen und am Ende die Missernte? Seinen Jüngern schien es so.

Bis sie die überwältigende Erfahrung machten: Er lebt! Seine Liebe, seine Geduld, seine Barmherzigkeit waren nicht totzukriegen! Die Saat Gottes ist aufgegangen, anders, ganz anders, als sie sich das vorgestellt hatten, als sich das überhaupt irgendjemand hatte vorstellen können.

Und die Saat Gottes geht weiter auf, bis heute: Da, wo der Ackerboden unserer Welt mit dem Kreuz gepflügt wird, wo Menschen in der Nachfolge Jesu sich und ihr Leben als Saatgut einbringen, damit die Mühseligen und Beladenen aufatmen und Mut schöpfen können.
Es gibt kein verheißungsvolleres Säen und keine fröhlichere Ernte.

Mit guten Wünschen für die Passions- und Osterzeit grüßt Sie Ihr

Pfr. Rainer Hess


Gemeindegruß November 2013 - März 2014

Gott nahe zu sein ist mein Glück   (Psalm 73, 28), Jahreslosung 2014

Liebe Gemeinde!

Haben Sie die kleine Maus entdeckt? Ich jedenfalls staunte sehr, als ich unseren Kater völlig entspannt wie sonst nur auf dem Sofa im Garten liegen sah. Als ich nachsah, warum er da so friedlich lag, staunte ich noch mehr: Eine kleine Maus fraß ebenfalls völlig entspannt vor seinen Pfoten Bucheckern. Friede zwischen Katz und Maus…

So war es wohl im Paradies gewesen zu Anbeginn der Schöpfung. Davon berichtet die Bibel und darauf hofften die Propheten: Der Wolf wird beim Lamm zu Gast sein und der Panther neben dem Ziegenböckchen liegen (Jes 11, 6f). Jedes Jahr an Weihnachten hören wir diese Verheißungen und bei vielen Menschen liegen deshalb in ihrer Krippe nicht nur Ochs und Esel, sondern auch der Wolf und die Schlange als Zeichen dafür, dass mit der Geburt Jesu Gottes Schöpfung neu beginnt und der von den Engeln verkündete Frieden möglich ist. So strahlt die Krippe das Glück des friedlichen Miteinanders aus.

Diesen Frieden zu spüren ist oft gerade an Weihnachten nicht einfach. Während sich die einen vor der Einsamkeit der Feiertage fürchten, graust es den anderen vor den Erwartungen der Verwandtschaft, vor Streitereien und den eigenen Ansprüchen. Wo bleiben die erhofften Glücksgefühle?

Die Jahreslosung für 2014 sagt nicht: Gott zu sein ist mein Glück. Vieles liegt nicht in unserer Macht. Aber wir können uns dem nähern, was für uns Gott bedeutet. Für mich bedeutet es: Ein friedliches Miteinander, ein liebevoller Umgang auch mit uns selbst und Offenheit für Gottes Welt. Ich bin glücklich, wenn ich dabei Gottes Nähe spüre.

Ihnen allen friedliche und fröhliche Weihnachten und viel Glück im neuen Jahr!        

Ihre Pfarrerin Anne Loreck-Schwab

 


Gemeindegruß August 2013 - November 2013

Was kann ich allein schon ändern?

„Wie ein Tropfen auf den heißen Stein“ – wer mit seinem Christsein Ernst machen will, kann sich ab und zu schon wie der berühmte Tropfen vorkommen.
Ändert sich denn in der Welt etwas zum Guten, wenn „immer ich der Dumme“ bin? Was nützt es, wenn ich allein mich um Liebe und Verständnis bemühe, wenn nur ich auf Rache und Vergeltung verzichte, wenn es stets meine „andere Backe“ ist, die traktiert wird?
Abgesehen davon, dass „immer“, „nur“ und „stets“ so gewiss nicht stimmen – eine(r) allein kann eine Menge bewegen.
Die Geschichte des französischen Schäfers Elzeard Bouffier hat mir das neu und eindrücklich klargemacht. Der ungewöhnliche Mann wurde Mitte des letzten Jahrhunderts geboren und lebte in der Gegend, wo die westlichen Alpen zur Provence hin auslaufen.
Zu seiner Zeit war dieses Gebiet karg und verlassen. Die Brunnen waren versiegt, die Häuser verlassen. Es gab keine Bäume und keine Menschen mehr dort.
Auf seinen Wanderungen sammelte der Schäfer Eicheln. Um die hunderttausend sollen es gewesen sein. Er wählte sie sorgfältig aus. Nur die großen, fehlerfreien behielt er. Die Zeit, die er mit den Schafen unterwegs war, nützte der Schäfer, um seine Eicheln in die Erde zu pflanzen. Von den hunderttausend, die er im Lauf der Zeit gesetzt hat, fingen etwa zehntausend an zu treiben.
So standen nach ein paar Jahren dort, wo vorher nichts war, zehntausend Eichen. Auch Buchen und Birken hat der Schäfer Elzeard Bauffier gepflanzt – und durch seine hingebungsvolle Arbeit ganze Wälder geschaffen. Einer ganz allein. Und die Menschen kehrten in die vorher öde und verlassene Gegend zurück. Es gab wieder Wasser und Wiesen und Gärten.
Was kann ich allein schon ändern?
Eine ganze Menge offensichtlich. Und am meisten sicher an dem Platz, an den Gott mich, gerade mich mit meinen Gaben und Fähigkeiten, hingestellt hat.

Spannende Entdeckungen wünscht Ihnen

Ihr Pfr. Rainer Hess


Gemeindegruß April 2013 - Juli 2013

Liebe Gemeinde!
Es war bis ins Mittelalter Tradition, dass in der Kirche zu Ostern Witze erzählt wurden, um damit dem Tod ins Gesicht zu lachen und die Osterfreude spüren zu können. Also:

FORTSCHRITT
Ein junger Mann darf in den Himmel. „Gott sei Dank!“, sagt er und lässt sich erleichtert in einen Sessel fallen. Da steht plötzlich ein Teufel neben ihm und piekt ihn von allen Seiten mit einem kleinen Spieß. „Augenblick!“, ruft der Mann empört: „Das muss ein Irrtum sein! Wir sind hier schließlich im Himmel.“ „Ach“, lacht der Teufel überlegen: „Diese Zeiten sind längst vorbei. Inzwischen praktizieren wir ein integriertes Gesamtjenseits.“ (aus: Andere Zeiten)

Liebe Gemeinde!
„…diese Zeiten sind längst vorbei…“  Da kann einem wehmütig ums Herz werden. Manche werden sich zurücksehnen nach den Zeiten, als die Begriffe und Zuständigkeiten noch klar und eindeutig waren. Doch wir leben in einer Zeit der Umbrüche und Veränderungen. Vieles, was selbstverständlich war und deshalb nicht hinterfragt wurde, geht zu Ende oder Neues ist schon an dessen Platz getreten. In unserem Gemeindegebiet entstehen neue Wohngebiete. Auf katholischer Seite ist Papst Benedikt zurückgetreten und hat damit gezeigt, dass die Akzeptanz seiner Schwäche zur Mut machenden und befreienden Stärke wird. In der Politik beginnt der Wahlkampf. Meine Erkenntnis ist, dass die meisten Menschen ein Miteinander zum Wohl aller und kein Gegeneinander und Hickhack wollen. „Diese Zeiten sind längst vorbei…“ So arbeiten wir zusammen unabhängig von Konfessionen und Herkunft.

Ob bei Gott wirklich ein „integriertes Gesamtjenseits“ auf uns wartet, wie in dem Witz, weiß ich natürlich nicht. Allerdings ist der Teufel auch ein Geschöpf Gottes und wer weiß, ob Gott ihn nicht abgestellt hat, damit sich der junge Mann nicht etwa wie der Münchner im Himmel beim Hosianna Singen langweilt und wieder auf die Erde zurück will.☺

Eine gute Zeit bis zu den Sommerferien wünscht *Ihnen

Ihre Pfarrerin Anne Loreck-Schwab


Gemeindegruß Dezember 2012 - März 2013

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Jahreslosung 2013 (Hebräer 13/14)

Zu einem weisen Einsiedler kam eines Tages ein Besucher, um Rat von ihm zu erbitten. Als der Mann sah, dass die Wohnung des Weisen aus einem winzigen Raum bestand, in dem sich nur ein Stuhl und ein Bett befand, fragte er verwundert: „Meister, wo haben Sie Ihre Möbel und den Hausrat?“ – „Wo haben Sie denn Ihre?“ gab der zurück. „Meine?“ fragte der Fremde verblüfft. „Aber ich bin doch nur zu Besuch hier, ich bin auf der Durchreise.“ – „Sehen Sie“, lächelte der Einsiedler, „ich auch!“
„Wir haben hier keine bleibende Stadt“, sagt der Hebräerbrief, kein endgültiges Zuhause. Wir sind unterwegs, wenn man so will: auf der Durchreise. Die Hoffnung, irgendwo stehen bleiben und sich endgültig einrichten zu können mit dem, was wir erreicht und erworben haben – ist Illusion. Jugend und Schönheit, Macht und Reichtum festhalten um jeden Preis – rührend-erfolglose Versuche, die einen vor allem dann belustigen, wenn man sie bei anderen entdeckt … Vermutlich wird sich bei den meisten von uns herausstellen, dass wir uns an allzu vielem festgehalten haben, das dann „auf der Durchreise“ zum unnützen Ballast wurde.
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Wird da nun der Abkehr von der schnöden Welt das Wort geredet und auf ein vages und ungewisses Jenseits in der Zukunft vertröstet? Der Lebensweg als Weg der Askese? „Ich bin der Weg“, sagt Jesus einmal, und man kann man von ihm lernen. Nie hat er sich aus den Herausforderungen und Zumutungen dieser Welt herausgestohlen, um auf ein „Später“ zu vertrösten. Er war im Hier und Heute präsent, gerade weil er in jedem Augenblick mit der neuen Welt Gottes rechnete. – An dieser Stelle von Jesus lernen heißt: ich kann manches loslassen, weil es vorläufig ist. Manche Wünsche und manche Sehsüchte, aber auch manche Sorgen und Ärgernisse verlieren so ihre Schwere – sie sind vorläufig. Und gleichzeitig gewinnt das an Gewicht, was bleibt: kein Augenblick, in dem ich geliebt habe und geliebt wurde, kein schöner Gedanke und kein gutes Wort wird verloren sein. Weil die Zukunft, der ich entgegen gehe, Gottes Zukunft ist – so wie jeder Tag meines Lebens ihm gehört.
„Ein Tag, der sagt andern, / mein Leben sei ein Wandern / zur großen Ewigkeit. / O Ewigkeit, so schöne, / mein Herz an dich gewöhne, / mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“ (GerhardTersteegen)

Herzlich grüßt Sie   Ihr Pfr. Rainer Hess


Gemeindegruß Mai - Juli 2012

Der Fisch, griechisch ICHTHYS, ist seit den Zeiten der frühen Kirche ein christliches Erkennungszeichen. Die einzelnen Buchstaben können als Anfangslaute eines kurzen Glaubensbekenntnisses gelesen werden:

IESOUS - Jesus
CHRISTOS - Christus
THEOU - Gottes
HYIOS - Sohn
SOTER - Erlöser

Im Logo der Kirchenvorstandswahl ist der Fisch mit einem (Wahl)Kreuz verbunden. Glauben und Wählen haben etwas miteinander zu tun, nicht nur am Wahltag. An jeder kleinen oder großen Weggabelung meines Lebens stehe ich vor der Wahl: ob ich dem Christus, dem ich glaube, dem ich mich anvertraut habe, weiter folgen will - oder dem, was andere mir versprechen.

Man muss es nicht überhöhen, aber der Wahlsonntag am 21. Oktober 2012, an dem die evangelischen Gemeinden in Bayern ihre Kirchenvorstände neu wählen, kann durchaus eine Glaubensentscheidung sein. Christenmenschen sind keine Einzelkämpfer, sondern Teil einer Gemeinde, die ihre Begabungen braucht - und ihre Begrenzungen mitträgt. Diese Gemeinde sucht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

"Ich glaub. Ich wähl" - oder lasse mich wählen: Mit anderen Männern und Frauen zusammen Raum schaffen für das geistliche Leben rund um die Passionkirche, dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche, Singles und Familien, Junge und Alte bei uns ihren Platz finden und sich wohl fühlen, Verantwortung übernehmen für Gottesdienste, für Gemeindeveranstaltungen, fürs Handwerkliche, für die Finanzen. Es gibt viele Möglichkeiten.

Bis 14. Mai können Sie sich selbst oder andere Gemeindeglieder als KandidatIn vorschlagen - wir freuen uns, von Ihnen zu hören! 

Ihr Pfarrer Rainer Hess



Gemeindegruß Februar bis April, 2012

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“  2.Kor. 12, 9

Liebe Gemeinde!
Für uns evangelische Christen ist diese Jahreslosung eine Begleitung für das ganze Jahr 2012. Der Apostel Paulus hat diese Zusage Gottes  in seinem 2.Brief an die Gemeinde in Korinth aufgeschrieben, als es ihm persönlich wohl sehr schlecht ging. Vermutlich aufgrund von Depression war Paulus nicht fähig, die Korinther wie versprochen zu besuchen. Zwischen den Polen „Kraft“ und „Schwäche“ bewegen wir uns oft, nicht nur privat, sondern auch als Kirchengemeinde und in der Gesellschaft. Stolz sein kann man leichter mit der Kraft. Es macht Spaß zu zeigen, was gelungen ist. Das andere, die Schwäche, verstecken wir lieber. Jede und jeder von uns kennt hier sich selber am besten – oder bekommt es von Menschen, die einen liebhaben, gesagt. Die Kraft Gottes in der Schwäche entdecken wirkt wie ein Widerspruch in sich.

Doch lebt die ganze Geschichte Gottes mit uns Menschen von dieser Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Gott führte das schwache Volk Israel
aus Ägypten. Er wurde in Jesus ein schwaches Kind; er starb mit dem schwachen Jesus einen unwürdigen Tod am Kreuz. Ein schwacher Paulus schrieb schwachen Menschen in Korinth davon. Schwache Sklaven in Amerika sangen von dieser Kraft Gottes. Schwache Männer, Frauen und Kinder machen sich aus Kriegsgebieten über tausende von Kilometern auf um hier Asyl zu suchen und in Frieden ihren Glauben leben zu können. Bis heute hat diese Jahreslosung politische Sprengkraft.

In der Schwäche ist viel Kraft. Nach meiner Erfahrung schenkt Gott  Kraft, da wo ich schwach bin. Nach meiner Erfahrung  kostet es mich und andere viel Kraft, wenn ich meine Schwäche versuche zu überdecken. So hat es mich immer schwach und hilflos gemacht, wenn Menschen etwa Alkoholprobleme leugnen und Vorgesetzte bei Konflikten wegsehen.  Man kann sicher sein, dass auch andere darunter leiden und ähnlich empfinden.
Aggressionen, Zynismus und selbstverletzendes Verhalten sind Alarmzeichen. Gemeinsam lässt sich oft leichter damit umgehen. Gottes Kraft in meiner Schwäche zuzulassen ist eine Lebensaufgabe. Den dafür nötigen Mut wünsche ich Ihnen in dem Jahr, das noch vor uns liegt!

Ihre Pfarrerin Anne Loreck-Schwab


Gemeindegruß November, Dezember 2011, Januar 2012

Weihnachten im Dschungel


Aus der Mission wird eine ganz eigenartige Weihnachtsgeschichte berichtet. Da hat sich jemand, ein bisschen naiv, aber mit den besten Absichten, auf den Weg in den Urwald gemacht, um den Kopfjägern von Jesus, der menschgewordenen Liebe Gottes zu erzählen. Ihm begegnet nur Unverständnis. Seit Generationen sind die Eingeborenen daran gewöhnt, mit Gewalt gegen-einander vorzugehen. Die einzelnen Stämme sind bis aufs Blut miteinander verfeindet.

Der Mann aus dem Westen stellt resigniert fest, dass all seine Bemühungen umsonst sind. Worte wie Liebe, Vergebung, Barmherzigkeit lassen sich nicht in die Sprache der Eingeborenen übertragen. – So erklärt er eines Tages, in seine Heimat zurückkehren zu wollen.

Zwischen den Stämmen beginnen plötzlich aufgeregte Verhandlungen. Sie wollen den Missionar nicht verlieren. Er war sehr nützlich für sie gewesen,
hatte ihnen z.B. auch medizinische Hilfe geleistet. Nach langem Hin und Her machen sie dem Mann mit der Bibel ein ungewöhnliches Angebot: Wenn er bei ihnen bliebe, würden sie ihre Fehden beenden, indem jeder Stamm dem anderen ein Kind übergäbe, ein Friedenskind. Und so lange diese Kinder lebten, würden die Stämme Frieden halten. Das sei bei ihnen eine alte Tradition.

Bewegt erkennt der Missionar, welchen einmaligen Schlüssel er da plötzlich in der Hand hält. Und er erzählt ihnen, dass Gott den Menschen sein Kind als Unterpfand gab, damit sie zum Frieden mit ihm und untereinander fänden.

Atemlos hören die Eingeborenen zu. Dann hatte Gott ja genau das gleiche gemacht wie sie! – Plötzlich ist eine Schleuse offen, einer nach dem anderen öffnet sich dem Glauben an diesen Gott und sein Friedenskind.

Weihnachtserfahrung im Urwald. Im hektisch-friedlosen Dschungel des modernen Lebens kann man die selbe Erfahrung machen: Gott macht sich klein, angreifbar, verwechselbar. Er teilt unsere Begrenzungen und Gefährdungen, um in seinem Friedenskind einer von uns zu werden. Damit auch in und bei uns Frieden werden kann.

Mit guten Wünschen
zur Advents- und Weihnachtszeit grüßt Sie herzlich

Ihr Pfarrer Rainer  Hess